Letzter So. des Kirchenjahres: Lukas 12,35

 Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen. 



Stay tuned, würde man heute wohl sagen. Oder: Keep connected. Früher sollte man am Ball bleiben und ganz früher seine Lenden umgürtet lassen. 
Alter Hut also, wach bleiben, dran bleiben, nicht nachlassen und vor allem nicht einpennen. Es wäre ja noch einfach, wenn hier ich wäre und da das Erwartete. Aber so ist es leider nicht.
Wie ich mich vorbereite oder vorbereiten muss, hängt einzig und allein von dem ab, wer oder was ich bin. Ein Amateur bereitet sich anders vor als ein Profi, ein Kraftprotz anders als ein Kranker, ein Denker anders als ein Macher, anders als ein Phlegmatiker, anders als ein Checker, anders als ein Betonkopf, anders als vielleicht ich.
 
Aber ich? Ich bin heute so und morgen anders. Hier stark, da schwach. Was mich jetzt brennend interessiert, wird mich morgen langweilen. Gestern konnte ich Orientierung geben, heute irre ich umher. Die Schuld, die ich gerade noch gesehen habe, ist in drei Stunden vergessen. Dass ich mal Verkäufer werde, hätte mir mal einer im Studium erzählen müssen. Die Frau, der ich einst Treue schwor, habe ich schon Monate später betrogen und konnte es selbst nicht glauben. Niemand korrigiert mich, wenn ich in dem Freund den Feind erkenne, nur weil er anderer Meinung ist. Erzählen mir alte Bekannte, was ich vor Jahren gesagt haben soll, kann ich nur den Kopf schütteln.
Ich? Wer soll das sein? Kaum ändert sich die Situation, tritt etwas Neues hervor, das mit dem Vorherigen nichts zu tun hat. Ich bin nicht einfach „soundso“ (schönes Lied von den Helden). Ich bin viele! Wir sind viele!
 
Man muss gar nicht erst anfangen mit den KZ-Bestien, die zu Hause fürsorgliche Familienväter waren. Es stimmt auch im Kleinen, es stimmt auch bei uns: Niemand ist nur sie oder er. Was wir sehen, ist nur eine Facette, von denen es noch viele andere gibt. Gültigkeit hat das, was jetzt ist, und jetzt ist nicht irgendwann. Bestimmen wir den Charakter eines Menschen, so kriegen wir nicht mehr zu fassen als die Summe des wiederholt Wahrgenommenen, das aber auch gar nichts über die Gesamtheit aussagt.  
Wer bin ich, wenn ich in einer Favela zurechtkommen muss? In einer Diktatur? In einem Rollstuhl? In einem Krieg, nach einem Krieg? Im Angesicht der Heiligkeit?
Muss ich mich darauf einstellen? 
 
Ich weiß nicht, wer ich dann bin - aber ich soll drauf gefasst sein. Auf alles soll ich gefasst sein. Es gibt nur einen Weg, sich vorzubereiten auf das, was kommt: Ich muss einverstanden sein, einverstanden mit allem. Mag sein, dass ich nicht sagen kann, wer ich bin. Aber mein Einverständnis, darauf kann ich gehen, das ist eine Brücke, eine Brücke zu allen und allem. 
Ein Wort am Schluss, so klein, so schwer, alles von uns fordernd: 
Ja





Seit dreißig Jahren versuche ich nachzuweisen, dass es keine Kriminellen gibt, 
sondern normale Menschen, die kriminell werden. 
Georges Simenon


Um einen guten Liebesbrief zu schreiben, musst du anfangen,
ohne zu wissen, was du sagen willst, und endigen,
ohne zu wissen, was du gesagt hast.
 
Jean-Jacques Rousseau


 

Vorletzter So. des Kirchenjahres: 2. Korinther 5,10

 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. 



Und manches Abends sitz' ich da
und überleg', wie's ist, wie's war,
auch wie es wird - durch wen es wird, 
durch wen es war, das, was geschah.
Ganz unbeirrt, 
entledigt aller Kräfte und Gewalten,
die, ging's mir gut,
ich stets für meine eigenen gehalten,
will eine Frage ich erörtern - diese:

Wenn hie und da mein Blut geflossen ist 
- und nicht nach meinem Willen! -,
wenn ich gelitten und mit aller List
doch nicht vermocht', 
den Durst nach irgendeinem Glück zu stillen.
Und andrerseits: Wenn froh ich war
und schon das kleinste Funkeln von jedwedem Licht
dazu geführt hat, dass ich fröhlich wurde,
heiter mein Gesicht,
ja - wenn bisweilen derart ich beglückt,
dass manche Leute böse wollten munkeln,
jeglicher Verstand sei mir entrückt, dann...
ja, was dann?

Die Frage will nicht von mir lassen:
Da gibt es Menschen, die sich lieben, hassen,
da gibt es Ziele, Formen, Welten,
Bedingungen, die jedem gelten
in mannigfaltigster Manier,
auf dass ich hier erfahren will:
Gab's je den Menschen denn auf Erden,
der frei entschied, wes' Herr, wes' Knecht zu werden?
Was mit mir?
Betracht ich nun mein Leben als den Weg, auf dem ich ging und geh,
so gibt's nur eins, das gern ich von ihm wüsst':
Ob nämlich dieser als „mein“ Weg
tatsächlich meiner ist.

Aus heitrem Himmel kommt die Frage nicht mir in den Sinn -
hab viel erlebt, geredet und getrunken,
und es galt mithin 
sehr vieles zu verstehen mancherorts.
Grad wenn ich einen - oftmals voll des Weins - befragte, 
gar worin des Menschen eigentliche Wahl bestünd',
hat er geweint, gelacht, mein Reden abgewunken,
doch in jedem Falle warn's
recht seltene Gebärden und Verhaltensweisen, die
bei solcher Unterredung mir begegnet sind. Sowie
mir manche einfach und geschwind nur sagten: GOTT
als Antwort auf ein's jeden Menschen Glück und Missgesschick,
so lehnten andre träumend sich zurück
und wagten kaum, den Mund zu öffnen -
ward ihr Herz, ihr Kopf so schwer?

Des Menschen Denken, sei es irr und leer,
sei's voll der Wahrheit, mag von Gott sein oder nicht.
Des Menschen Weg, wohin, woher,
mag unergründlich Bahnen lenken,
steigt und fällt und bricht bald kreuz, bald quer 
durch Finsternis und Licht.
Vielleicht auch er ein Lebenszeichen überird'scher Kraft?

Ich will die Lösung nennen,
insofern ich es geschafft, sie zu erkennen, 
allerdings zwingt sie zu einer geist'gen Wende,
ohne doch der Frage selber zu entweichen, denn:

Wenn eine klare Antwort darauf sich je fände,
wofern der Mensch in Gottes Hand, wo nicht,
so gäb's den Weg nicht mehr, er wär zu Ende.






Liebe das Leben, und denk an den Tod!
Tritt, wenn die Stunde da ist, stolz beiseite.
Einmal leben zu müssen,
heißt unser erstes Gebot.
Nur einmal leben zu dürfen,
lautet das zweite.
Erich Kästner


Drittletzter So.d.Kirchenjahres: Matthäus 5,9

 Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. 



Bin ich nicht.
Ich bin nicht friedfertig. Noch nie gewesen. Hatte immer schon ein paar Pfeile mehr im Köcher als die anderen und bin auch willens, die zu benutzen. Es ist ein Geschenk, das zu können, so wie andere Hochspringer oder Mezzosopran werden. Man kann nichts dazu. Die Pfeile sind nicht nur eine Hilfe, den Weg freizumachen, nicht nur eine Waffe, sich zu verteidigen. Sie sind ein Merkmal, das Charakteristikum einer Person, seine Art, seine Würde. Würde man sie ihm wegnehmen, so würde er krank. Nehmt mir das nicht weg, nicht für einen Bibelspruch, nicht für Moral. Wenn einer das anders kann, wenn einer schlichten und verbinden kenn - Respekt. Das ist eine Gabe. Ich habe sie nicht. Aber auch ich bin nicht ungerecht, ich tue niemandem Gewalt an, nutze die Schwachen nicht aus, ich denke und handle nicht hässlich. Ich bin in Ordnung. Nur friedfertig bin ich nicht und ein Friedensstifter schon gar nicht. Das ist nicht mein Skript, mein Plan, mein Talent. Kaffeekränzchen sind mein Tod, im Streit lebe ich auf, finde Klarheit und stifte sie. Mitunter zeige ich gern die Instrumente, auch das. Ich reibe mich gern, differenziere mich gern, distanziere und pointiere gern. Ich gebe nicht nach, ohne überzeugt zu sein, nur um des lieben Friedens willen. Ich mache weiter, bis Klarheit herrscht. Das kann auch ein Kompromiss sein, aber als Einigung, nicht als Niederlage oder Demut. Anders käme es mir vor wie eine Lüge, wenn doch innerlich Rebellion fortbesteht. Es soll keine Ruhe geben, wenn nicht alle Karten auf dem Tisch liegen. Oder ich fühlte mich wie einer, der freiwillig in einen Kerker geht, und es ist egal, ob er aus Gold ist oder nicht. Eingesperrt werde ich nicht sein und auch nicht sub, nicht neben und nicht hinter, sondern gegenüber. Da soll man mich sehen und erkennen. Da soll ich sein, der ich bin, anders, unbequem, oft ohne Frieden und immer Gottes Kind.

 




Und sperrt man mich ein im finsteren Kerker,
das alles sind rein vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei. Die Gedanken sind frei.
Volkslied

Dein Friede kommt nicht durch Gewalt,
von oben nicht und nicht von selbst.
Du willst durch uns Frieden schaffen,
Gerechtigkeit, Liebe, dein Reich. 
Alois Albrecht


 

22. So. n. Trinitatis: Psalm 130,4

Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. 



Der Mann hält mir eine Waffe ins Gesicht, damit ich mich fürchte.
Die Mutter droht mit Liebesentzug, damit es sich fürchte.
Der Gesetzgeber droht Strafe an, damit er sich fürchte.
Die Polizei marschiert mit der Hundertschaft auf, damit sie sich fürchten.
Der Pfarrer redet vom Jüngsten Gericht, damit alle sich fürchten.
Der Ehemann holt aus zum Schlag, damit sie sich fürchte.
Der Raser fährt bis auf einen halben Meter auf, damit der Blödmann sich fürchte.
Der Aufseher streift bei der Klausur durch die Gänge, damit wir uns fürchten.
Gott der Herr schenkt Vergebung, damit wir uns fürchten.
Gott der Herr schenkt Vergebung, damit wir uns fürchten?
Furcht vor...? Furcht vor...?

Wer könnte vor ihm bestehen?
Nur der ohne Waffe.
Die mit Liebe.
Der ohne Strafe.
Die ohne Hundertschaft.
Der ohne Gericht.
Der ohne böse Hand.
Der ohne das Adrenalin.
Der ohne die Lust an den Fehlern der anderen.

Da bleiben nicht viele. Da bleibt viel Furcht.

                     

 



 

 


Have you ever wondered what you would do
If the world was sweet and kind exactly like you
Would you be afraid
Of what you've got

Tell me the fruit is yours grown of a tree
Tell me you grew and don't you see
You didn't grow it, you're not the sun or the rain
And if you'd walk away it would grow again

Sometimes I wonder what it is I see
Is it the world around us
Or is it me

Graeme Edge

 

21. So. n. Trinitatis: Römer 12,21

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.



Wie stellt man den Sitz nach vorne?
Weiß ich nicht.
Wie: Weiß ich nicht. Ist doch dein Auto.
Ja trotzdem. Ich hab den noch nie verstellt, deswegen weiß ich nicht, welcher Hebel das ist.
Na dann könntest du ja jetzt mal ein bisschen suchen helfen.
Nimm mal die Beine hoch. Hier.
Das ist die Rückenlehne.
Shit. Dann warte mal.
Nee ist klar. Einfach mal warten. Ich warte immer. Mein ganzes Leben ist ein Wartezimmer.
Wie bitte? 
Ich warte, bis Jonas aus dem Haus ist. Ich warte, bis ich Essen machen kann. Ich warte auf Jonas. Ich warte auf dich. Ich warte auf Melissas Anruf. Ich warte, dass du mir im Garten hilfst. Ich warte auf den bescheuerten Klempner. Ich...
Ist ja gut. Aber bin ich jetzt irgendwie schuld?
Hab ich nicht gesagt.
Nein, aber jetzt höre ich diese Litanei, jetzt, wo du mal einen Moment Geduld haben sollst und mehr nicht.
Ja, du kannst dir das auch mal ruhig anhören. Du hast dir noch nie Gedanken über meinen Tag gemacht.
Oh. Bist du sicher?
Jedenfalls merke ich nichts davon. Immer denkst du nur an dich.
Das wird ja immer schöner.
Hast du dich vielleicht mal gefragt, warum ich in letzter Zeit immer früher ins Bett will? Ich bin müde. Ich bin es leid.
Was genau leid?
Dass ich hier immer nur die zweite Geige spiele. Wenn überhaupt. Alles dreht sich immer um dich.
Mehr als alles, Schatz!
Brauchst gar nicht so blöd zu grinsen. Ich hab jemanden kennengelernt.
...
Hast du gehört, was ich gesagt hab? Ich hab...
Ja, aber ich kann's nicht glauben.
Er hört besser zu als du. Er hat mehr Zeit als du. Ihm muss ich nichts umständlich erklären. Er versteht mich.
Aha......Und jetzt?
Nix jetzt. Ich wollte es dir nur mal sagen.
Nur mal sagen. Und dass wir verheiratet sind, hast du aber nicht vergessen?
Manchmal hätt' ich's gern. Aber dann war ich wieder zu Hause.
Du kannst so ein Biest sein. Als hätte ich mich nicht dauernd um alles gekümmert! Als wäre mir auch nur irgendwas egal gewesen! Also was nun? Wie geht es weiter?
Ich hab nicht vor, etwas zu ändern. Ich wollte es dir nur mal sagen.
Du wolltest mir nur mal weh tun.
Vielleicht auch das.
Nur das.
Weiß nicht.
Ist dir jedenfalls gelungen. Wie oft seht ihr euch?
Nicht so oft. Vielleicht alle zwei Wochen.
Wann wieder?
Jetzt.
Jetzt! Und dafür brauchst du mein Auto!
Ja nun, wenn meins in der Werkstatt ist!
Ist ja wohl der Hammer! Und du hast so gar keine Skrupel?
Hast du denn welche, wenn du die Jungs mit nach Hause bringst und ich mach mir wieder einen supertollen Fernsehabend - und warte und warte?
Jetzt - JETZT höre ich zum ersten Mal, dass das ein Problem für dich ist. Und jetzt soll ich dich fahren lassen? Zu ihm?
...
Du machst dir überhaupt kein Bild, was du gerade hier angerichtet hast. Ich denke, wir führen eine normale, irgendwie funktionierende Ehe - und jetzt das.
Ja.
Und dann noch diese Chuzpe, mich zu deinem Helfer zu machen! Du hast vielleicht Nerven!
Ich hab dir ja auch immer geholfen.
Jetzt bring mich noch auf hundertachtzig! Das war doch was völlig anderes. Das ging doch nie gegen dich!
Geht es jetzt auch nicht. Ich meine: gegen dich.
Nein? Tut mir also nicht weh?
Weiß nicht.
Ich aber. Tut mir total weh! Ich weiß gar nicht, wohin mit mir! Und da fummle ich an diesem blöden Autositz herum. Denke an nix Böses, da fliegt mir mein halbes Leben um die Ohren. Keine Warnung, nichts! Immer alles in Ordnung. Nichts war in Ordnung. Von dir war es nicht in Ordnung. Man spricht miteinander. Man sagt sich, wenn etwas nicht stimmt. Hast du nicht gemacht.
Stimmt.
Na immerhin.
Können wir später weiterreden? Ich werde erwartet.
Ja. Erwartet. Jetzt wartet jemand auf dich. Ich werde auch warten. Warten, bis du zurückkommst. Ich meine: zu mir, zu uns. Ich werde nicht verrückt spielen. Ich werde es gut machen, werde es besser machen. Weil: es ist nicht ganz so, wie du es gesagt hast. In all dem Falschen hab ich dich nie übersehen, nie aufgehört, dich zu lieben. Ja, so ist das, auch wenn du mir jetzt so weh tust und das auch weißt und einfach weitermachst. Ich werde dich lassen. Ich lasse dich fahren. Hier: ich hab's. Der richtige Hebel. Komm bitte zurück.





Zieh dich aus, du alte Hippe. 
Helge Schneider


Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen,
gib mir den Mut zum ersten Schritt.
Lass mich auf deine Brücken trauen,
und wenn ich gehe, geh du mit! 
Kurt Rommel

 

20. So. n. Trinitatis: Micha 6,8

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert:
nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben
und demütig sein vor deinem Gott.




verflucht.
wie habe ich gesucht.
wie habe ich gesucht zu finden 
worte, die die wahrheit sagen,
worte, die sich überwinden,
die nicht am gewissen nagen
und doch stark und ohne zagen,
ohne meine angst zu fragen,
meine klage laut verkünden.

das herz.
ich will doch keinen schmerz.
ich will doch keinen schmerz bereiten,
wenn ich rede, wie ich denke,
und ich meine eignen saiten 
endlich spanne und versenke 
das, was mich bedrückt, ich schenke 
reinen wein ein, doch ich kränke, 
um auf wahrheit zuzuschreiten.

die kraft.
ich habe es geschafft.
ich habe es geschafft zu runden,
was einst eckig war, zu brechen,
was als trennung ich empfunden.
wagte frei, es auszusprechen.
wahrheit ließ sich nicht bestechen.
und des leidenden gebrechen
wird durch meine lieb' gesunden.




Wer den Weg der Wahrheit geht, stolpert nicht. 
Mahatma Gandhi


But I wish there was somethin' you would do or say
To try and make me change my mind and stay
We never did too much talkin' anyway
But don't think twice, it's all right. 
Bob Dylan

 

19. So. n. Trinitatis: Jeremia 17,14

 Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen. 



Sprechen wir mal über Autorität. Denn die Stimme, die da aus dem Jeremiatext spricht, ist ganz davon erfüllt. Eine Ehrerbietung sondergleichen mit einer schon fordernden Aura: Du, Gott, kannst mir doch helfen - also tu es auch! - Oder an die Leser des Textes: Mach es wie ich! Unterwirf dich dem ... Richtigen! - Eine gute Prise Penetranz, nur das Sahnehäubchen aus Johannes 2,5 fehlt noch: „Was er euch sagt, das tut!“ Jetzt mach schon! Mach! Kannst dich nicht irren, es gibt ja gar keine Wahl!

Ein Volk, ein Reich, ein Führer: ein - ein - ein. Ein Mann, ein Wort: ein. The one and only: ein.  Et unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam: ein. Sola scriptura, sola fide, sola gratia, solus Christus: ein - ein - ein - ein.
„Es kann nur einen geben!“ Das hat uns schon immer fasziniert, von Odysseus über Siegfried bis Clint Eastwood (alles Männer übrigens). Niemals sind mehrere am Werk, die Rettung kommt immer in der Einzahl. Der Trick war: aus der Vielzahl von Stimmen, die man über sich hört, die eine herauszufiltern, der sich zu folgen lohnt. Mit dem Weimarer Affenzirkus ist jetzt Schluss, sagten die Nazis und sorgten schnell für klare Verhältnisse. Doch aus Ein wurde Allein, aus Allein wurde Zwang, wurde Tod, wurde die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte. Wenn es nur einen geben kann, sollte es schon der richtige sein.

Aber die Geschichte mit dem einen Helden ist ja auch gar nicht wahr. Es kann eben nicht nur einen geben. Gerade darauf kommt es an: Es kann nur viele geben, genauer gesagt, kann es nur alle geben. Erst wenn alle gehört werden, ist es richtig. Erst wenn in schwarzer Nacht die schwarze Ameise auf schwarzem Stein Beachtung gefunden hat, hören wir auf zu fehlen, zu sündigen, zu töten.

Das geht nicht: alle zu hören?
Ja, das stimmt.
Immerhin gibt es einen, der das kann. Schon wieder nur einer! Aber das sehen wir nur, weil wir es so sehen möchten. In Wirklichkeit ist er eben kein Held, keiner allein über uns, sondern - wir. Er ist wir. Unser Gott ist Demokrat und Republikaner in einem, Regierung und Opposition, Vorstand und Putzfrau, Establishment und Guerilla, die beste aller möglichen Autoritäten. Sie heilt und hilft nur deshalb, weil sie alle heilt. Wer immer das von sich sagen kann, verdient Jeremias Worte. 




'Man kann nicht allen helfen', sagt der Engherzige und hilft keinem. 

Marie von Ebner-Eschenbach


 

18. So. n. Trinitatis: Psalm 145,15

Aller Augen warten auf dich,
und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
 



Samstagmorgen bei Netto. Es ist voll, beide Kassen sind besetzt, lange Schlangen davor. Mittendrin ein Junge von vielleicht fünf oder sechs Jahren, der mit dem Einkaufswagen der älteren Dame vor ihm immer in die Hacken fährt. Die dreht sich um und sagt etwas scharf: „Würdest du das bitte lassen! Das tut weh!“ Ein paar Sekunden Ruhe, dann macht der Junge weiter. „Jetzt hör aber mal auf!“, sagt die Dame. Und zu der Mutter: „Könnten Sie Ihrem Kind bitte mal sagen, dass es das lassen soll?“ Die zuckt nur mit den Schultern und macht - nichts. Aber der Junge macht weiter, immer der Frau in die Hacken. Dann wird sie lauter und sagt zur Mutter: „Jetzt ist es aber genug! Warum machen Sie denn nichts?“ Die Mutter: „Wir erziehen unser Kind ohne diesen autoritären Quatsch. Das soll seine Erfahrungen mal schön selbst machen!“
Die Dame ist über diese Antwort so konsterniert, dass ihr für einen Moment die Worte fehlen. Die Schlange bewegt sich kaum voran. Der Junge macht weiter. Da nimmt die Frau einen Becher Joghurt aus ihrem Korb, schüttelt kurz durch - und gießt ihn der Mutter über den Kopf. Dann sagt sie: „Ich bin auch ohne diesen autoritären Quatsch erzogen worden, und das hier ist eine tolle Erfahrung!“ Großes Gelächter ringsum, gefolgt von einem erleichterten, herzlichen Applaus. Schließlich ruft ein Mann von hinten aus der Schlange: „Hey, der Joghurt geht auf mich!“ 


 




Ironie ist das Körnchen Salz
das das Aufgetischte
überhaupt erst genießbar macht.
Johann Wolfgang von Goethe




 

17. So. n. Trinitatis: 1. Johannes 5,4

 Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. 



Fragen Sie mich bitte nicht, warum ich das hier alles mache. Fragen Sie mich nicht, warum ich Woche für Woche über den schwersten, unbeweglichsten Texten der Bibel brüte und versuche, etwas Greifbares herauszufiltern. Fragen Sie mich nicht, wie ich dabei zu so mitunter merkwürdigen Sichtweisen komme. Und vor allem fragen Sie mich nicht, ob sich der ganze Zirkus wohl lohnt angesichts einer überaus überschaubaren Leserschaft und auch angesichts jenes nachdrücklichen Interesses angefragter Verlage, nichts davon veröffentlichen zu wollen. Fragen Sie mich nicht. 
Denn wer so fragt, weiß nicht, wohin die Reise geht. Ich behaupte hier kühn, dass ein Großteil - wenn nicht gar die Mehrzahl - der größten künstlerischen Werke und Errungenschaften in irgendwelchen Schubladen vor sich hin dämmert, wo niemand sie zu Gesicht bekommt. Aus purem Zufall ist Bach im 19. Jahrhundert wiederentdeckt und populär gemacht worden; zuvor hat man auf manchem Wochenmarkt den Fisch in seine Notenwerke gewickelt, war gerade nichts anderes da. 
In diese Riege gehören diese Texte hier nicht. Aber ein Gedanke gehört hierhin, der allem Geschaffenen gemeinsam ist: Es ist da, es hat das Licht der Welt erblickt, ob es nun gefunden wird oder nicht. Kritiker argwöhnen, ein Buch ohne Leser sei kein Buch, es existiere nicht. Was für ein Unsinn! Denn der Rang oder Wert eines Werkes hängt zuletzt ab von der Zahl der Konsumenten. Wäre es anders, müssten DFB-Pokal und Dschungelcamp zu kulturellen Höchstleistungen gerechnet werden. Tatsächlich aber ist es ausschließlich der Akt des Schaffens, der allen Aufwand rechtfertigt und der die Frage nach der Rezeption sekundär macht. Ich sage es ganz plakativ: Im Erschaffen zeigt sich einer wie Gott. Der Schaffende weiß es oder weiß es nicht oder nennt es anders, aber es ist genau das Ereignis, weshalb er es tut. „Ich suche nicht“, sagt Picasso, „ich finde.“ Wenn wir etwas erfahren wollen vom Überwinden der Welt, gelingt das nicht im Zyklus von Aufstehen - Arbeiten - Essen - Schlafen --- sondern im Aufbrechen - Träumen - Fasten - Gebären. So kitschig, so wahr. Vielleicht gibt es große Kunst und kleine, aber unschuldige gibt es nicht.
Etwas wird sichtbar, das verborgen war. Etwas wird geboren. Wer es ignoriert, wird nicht viel überwinden.

 






Jeder Mensch ist ein Künstler. 
Joseph Beuys




16. So. n. Trinitatis: 2. Timotheus 1,10

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen
und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht
durch das Evangelium.
 



So wie wir am Ende einen Strich drunterziehen, stehen wir am Anfang vor der Wahl: Was soll aus unserem Leben werden? Obwohl die Begabungen unterschiedlich ausgeprägt sind, richtet man sich nicht gleich nach der offensichtlichsten, stärksten. Sondern wir schauen: Was will ich? Oder auch: Was soll ich?
Macht (Politiker), Fürsorge (Pflege), Forschung und Lehre (Wissenschaft), Religion (Pfarrer), Ordnung (Verwaltung), Entfaltung und Ausdruck (Künstler), Karriere (Manager), Praxisleistung (Handwerker), Familie (Hausfrau/-mann) ... fast unendlich lang ist diese Liste. Wenn es im Inneren schwingt, ist man auf dem richtigen Weg. 
Und nun: Macht es einen Unterschied, ob wir diese Liste mit oder ohne Kenntnis unseres Verses lesen? Ja? Und wie?
Und wie!
Denn was wir Begabung nennen, hat viel zu tun mit dem „unvergänglichen Wesen“. Sie war schon vor uns da, wir erfinden sie nicht, sondern finden sie vor. Sie ist uns in den Schoß gelegt wie eine Schale voller Sinn. Warm und gut liegt sie in unserer Hand und strahlt auf unser ganzes Leben. Was schon vor uns da war, dürfen wir getrost auch hinterher noch erwarten. Zumindest ist der Gedanke nicht absurd: dass das Eigentliche eigentlich ist und nicht vergänglich. 
Hätte nun Jesus dieses unvergängliche Wesen nicht ans Licht gebracht, so hätte wohl der Tod das letzte Wort - und das, was wir als Sinn empfinden (warm und gut und leuchtend), wäre eine neuronale Verzückung, die uns, warum auch immer, bis zum Sterbebett begleitet. Dann Klappe zu, Affe tot. Ein bisschen mehr als Affe, aber nicht viel. 
Wir behaupten den Sinn und das Unvergängliche nicht deshalb, weil es das einzige ist, das Sinn macht, sondern weil wir ihn vorfanden, bevor wir uns Gedanken machten; weil wir uns entwickeln, wenn wir unsere Begabung entfalten; weil wir nur antworten können - und schwer fehlen, wenn wir es nicht tun. Wir antworten auf ein Ereignis, das zweitausend Jahre zurückliegt und für alle Zeiten gilt. Es gab auch ein Zuvor. Dort hatten die Menschen Hoffnung - aber keine Rettung und keine Antwort. Wir haben sie.  
Was ich will? Was ich soll? Auf Liebe antwortet man mit Liebe: Liebe zum Retter unseres Sinns - und Liebe zum Sinn, den wir als Geliebtsein erleben, als Gabe, als Geschenk, als Vorherschonda. Fließt die Schale in uns über, so fühlen wir für andere, und sie schwingen mit. 






Wir machen immer einen Fehler:
Wir investieren Gefühle, statt sie zu verschenken.
Werner Schneyder


Ich habe es satt, die Menschen zu durchschauen.
Es ist so leicht, und es führt zu nichts.
Elias Canetti